Angesichts der heute üblichen wuchernden Bürokratie und der umfangreichen Aufgaben der vielen Stadtangestellten war es für mich interessant, einmal dem Ursprung der staatlichen Verwaltung unseres Heimatortes auf den Grund zu gehen. Dass dies bei uns im Gegensatz zu anderen Gemeinden lückenlos möglich ist, haben wir auch der Umsicht und der Einsatzbereitschaft unseres ehemaligen Ortschronisten Walter Herrmann zu verdanken.

Gewisse Verwaltungsstrukturen entstanden in der Mark Meißen und im späteren Sachsen, um die Angelegenheiten des Landes und die Privatinteressen der Bürger zu regeln. Vor der Einführung der Landgemeindeordnung im Jahre 1839 erfolgte im gesamten sächsischem Gebiet, so also auch in Dörnthal, die Bekanntgabe von Gesetzen und Verordnungen an die Bevölkerung nach den Gottesdiensten von der Kanzel aus. Auch die Registrierung der Ortsbevölkerung erfolgte bei Geburt, Taufe, Hochzeit und Tod bis ins 19. Jahrhundert ausschließlich in den Kirchenbüchern des Pfarramtes. Die ökonomischen Aufgaben des Staatswesens nahmen im Mittelalter die feudalen Grundherren wahr. Bei uns waren das vor allem die Herren von Schönberg auf Schloss Pfaffroda mit dem Rittergut in Dörnthal. Zeitweise mussten auch die Bauern von Zethau, Helbigsdorf, Weigmannsdorf, Randeck und Hutha Hand- und Spanndienste oder Abgaben für die Gutsherrschaft Dörnthal leisten. Auch die Erfassung der Abgaben und Schulden erfolgte von der Rittergutsverwaltung.

Da im Mittelalter die Bauern des Lesens und Schreibens nicht kundig waren, wurden durch die Verwalter oft für Rückstände oder Schulden Kerben in ein Holzstück geschnitten, was sie auch zu Hause an ihre Verpflichtungen erinnern sollte, das Gegenstück dazu wurde in der Gutsherrschaft aufbewahrt. Das heute noch bekannte Sprichwort, dass jemand etwas auf dem Kerbholz hat, stammt sicher aus der Zeit der feudalen Grundherrschaften. Hier war auch die obere Gerichtsbarkeit, das so genannte Patrimonialgericht in Dörnthal angesiedelt. Die Herren von Schönberg übten damit über viele Jahre auch die Rechtsprechung in ihren Dörfern mit unterschiedlicher Strenge aus. Die ursprünglichen Aufgaben des Dorfschulzen in der freien Dorfgemeinschaft wurden im Mittelalter vom Erbrichter – der niederen Gerichtsbarkeit – mehr und mehr übernommen. Dieses Amt war an den Besitz des Erbgerichts gebunden und bedurfte der Zustimmung des feudalen Grundherrn. Die Erbrichter arbeiteten im Auftrag des Patrimonialgerichts. In Dörnthal durften sie zum Beispiel Kaufverträge vorbereiten, kleinere Streitigkeiten schlichten oder Diebstähle im Dorf ahnden. Die sächsischen Herzöge und Könige holten sich in der Regel von ihren Vasallen – den Feudalherren – die entsprechenden Abgaben, im Kriegsfall Pferde und Soldaten. Auf die Dorfbevölkerung selbst übten sie selten Einfluss aus.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein übernahmen also Kirche, feudaler Grundherr und Erblehnrichter die nach heutigem Verständnis staatlichen Aufgaben. Im Jahre 1834 bahnten sich erste Veränderungen dieses Zustandes in Sachsen an. Der sächsische König Anton der Gütige und Herzog Friedrich August beschlossen mit Zustimmung der getreuen Stände ein „Gesetz über die Herausgabe eines Gesetz- und Verordnungsblattes ab 01.01. 1835 für das Königreich Sachsen in ausreichender Publikation“, heißt es in Akten aus dieser Zeit. Der Gemeinde Dörnthal wurde wie allen Städten und Dörfern im sächsischen Gebiet der Bezug für jährlich 36 Groschen zur Pflicht gemacht. Die Gemeinden wurden auch im Vorgriff auf die noch zu bestimmenden Vorstände für die Aufbewahrung und Weitergabe der Gesetzesblätter verantwortlich gemacht. Die Pfarrämter erhielten ein Freiexemplar.

Im Jahr 1839 wurde schließlich die Landgemeindeordnung in Sachsen eingeführt. Sie war die gesetzliche Grundlage des folgenden Strukturwandels. Sie sah die Bildung von Amtshauptmannschaften (später Landkreise) und deren Amtsgerichte vor, die die Funktion der Patrimonialgerichte und des Erbrichters übernehmen sollten. Diese neu gebildeten Organe mussten laut Gesetz auch die bestellten Gemeindevorstände kontrollieren und Gewerbe-, Bau- und andere Anträge genehmigen. Die Registrierung und Verwaltung der Bürger sollte zur Aufgabe der Gemeinderäte werden, ebenso wie die Sorge für die Sicherheit der Bürger und ihre ethisch-moralische Orientierung. Um diesen neuen gesetzlichen Regelungen gerecht zu werden, versammelten sich am 07.03.1839 vormittags im Erblehngericht Dörnthal (heute altersgerechte Wohnungen) folgende Personen:

  1. Herr Justitiar A. Fritzsche
  2. Herr Aktuar Theo Brause
  3. Herr Erbrichter Gottfried Ferdinand Klemm (heute Haus Nummer 169)
  4. Herr Gerichtsschöppe August Friedrich Döhnel (heute Haus Nummer 75)
  5. Herr Gerichtsschöppe Johann Gottlieb Herklotz (heute Haus Nummer 103)

Als erster Gemeindevorstand wurde nach dieser Zusammenkunft G. F. Klemm, der bisherige Erblehnrichter, bestellt. Ihm zur Seite standen zwei Gemeindeälteste und 12 Ausschusspersonen für den Gemeinderat. Als Expeditons-Lokal wurde in den Akten das bisherige Dienstzimmer des Erblehnrichters erwähnt. Die Kassengeschäfte führte der neue Gemeindevorstand (später Bürgermeister) Klemm mit dem Gemeinderat Andreas, der auch die Armenkassengelder verwaltete. Nach dem Ausscheiden von Klemm infolge Kündigung wurde am 17.05.1840 das bisherige Gemeinderatsmitglied Justinus Keilig (heute Nr. 19) als nachfolgender Gemeindevorstand gewählt. Diese Funktion führte er mit Fleiß nach dreimaliger Wiederwahl bis zu seinem Tod im Jahre 1870 aus. Sein Nachfolger wurde im Dezember 1870 der Bauer Johann Gottlieb Kaden (heute Nr. 83). Am 30.11.1875 erhielt Gustav Haubold (heute Nr. 21) als neuer Gemeindevorstand das Vertrauen, der gleichzeitig auch als Standesbeamter tätig war. Seine Wiederwahl erfolgte fünfmal. Er starb nach 33-jähriger Amtszeit im Jahre 1908. Sein gewählter Nachfolger war Wilhelm Herhold (heute Nr. 114). Am 04.06.1920 wurde Gustav Morgenstern zum Bürgermeister gewählt gewählt (heute Nr. 169).

Einige Jahre später wurde nach dem Auszug W. Herholds das Diensttelefon vom Erbgericht in die neuen Verwaltungsräume des Hauses Nr. 114 verlegt. Vermutlich seit 1927 befand sich das Dörnthaler Gemeindeamt bis in das Jahr 1997 hinein in diesem Objekt. 1924 führte man anstelle von „Gemeindevorstand“ die Bezeichnung „Bürgermeister“ ein. Am 15.04.1926 kündigte G. Morgenstern und übergab sein Amt dem neuen Bürgermeister Georg Thümmler, der wiederum seine Tätigkeit 1932 beendete und den Ort verließ. Nach der Machtübernahme der NSDAP wurde auch bei uns ein neues Gemeindekollegium eingesetzt und vorübergehend mit der Führung der Amtsgeschäfte betraut, bis schließlich am 27.04.1934 auf Anordnung der NSDAP-Kreisleitung Freiberg Herr Gottfried Neubert aus Großhartmannsdorf das Amt des Bürgermeisters übertragen bekam. Er war bis zum Kriegsende in dieser Funktion tätig.

Nach der Zerschlagung des Faschismus durch die vier Siegermächte und der Besetzung unseres Gebietes durch sowjetische Truppen wurde mit Zustimmung des damaligen Kommandanten der Gastwirt Max Augustin (heute Freiberger Str. 514) zum Bürgermeister erklärt, der jedoch bereits ein Jahr später am 01.09.1946 vom Friseurmeister Oskar Thiele (heute Nr. 74) abgelöst wurde. Diesem folgte von 1950 – 1974 der landwirtschaftliche Sachbearbeiter Rudi Weidensdörfer (heute Nr. 39).

Obwohl alle bisherigen und noch folgenden Gemeindeoberhäupter in ihrer jeweiligen Zeit sicher schwierige Aufgaben lösen mussten und große Einsatzbereitschaft zeigten, ist für den unabhängigen Betrachter in der langen Dienstzeit von Rudi Weidensdörfer das größte Aufbauwerk in Dörnthal realisiert worden. Dafür stehen der Neubau solcher Objekte wie Landwarenhaus, Schule, Kindergarten und das Wohnhaus für 12 Familien innerhalb von weniger als 10 Jahren.

Im Jahre 1975 wurde der BHG-Leiter Walter Laube (wohnte in Nr. 108) zum neuen Bürgermeister gewählt. In seine Amtszeit fiel der Anbau der Turnhalle an die damals 10 Jahre alte Schule. Ihm folgte von 1980 – 1990 Frau Margarethe Pietsch (wohnte in Nr. 137) ins Amt. Nach der Wende, am 08.05.1990, wurde Reiner Lippmann (heute: Freiberger Str. 508) zum Bürgermeister von Dörnthal gewählt. Auf ihn kam Ende der neunziger Jahre die undankbare Aufgabe zu, die vom Freistaat Sachsen geforderte Vereinigung der Gemeinden Dörnthal, Pfaffroda, Dittmannsdorf und Hallbach zur Großgemeinde Pfaffroda durchzusetzen. Für Dörnthal ging damit eine etwa 700 Jahre dauernde eigenständige Entwicklung zu Ende.

Bürgermeister Lippmann hat es offensichtlich recht gut verstanden, den schwierigen Prozess der Vereinigung ohne größere Brüche und mit ausgleichender Gerechtigkeit zu führen, sonst hätten ihn die Bürger nicht mit großer Mehrheit zum Oberhaupt der Großgemeinde Pfaffroda gewählt. In seine Dienstzeit fielen zum Beispiel der Abriss der maroden Gaststätte „Anker“ und die Schaffung eines zentralen Platzes in der Dorfmitte ebenso wie die Rekonstruktion und Neugestaltung eines alten Auszugshauses zum Heimatmuseum an der Ankerkreuzung. Noch in den neunziger Jahren setzte er die zentrale Abwasserentsorgung für die meisten Häuser trotz einiger Widerstände durch. Außerdem gelang es ihm und einigen Mitstreitern, den Grundschulstandort in Dörnthal zu erhalten.

Als Bürgermeister Lippmann in den Ruhestand ging, wählten die Einwohner Steffen Günther 2013 als neuen Bürgermeister von Pfaffroda. In dieser Zeit wurden die finanziellen Mittel für kleinere Orte vom Freistaat immer weiter gekürzt, um größere Einheiten zu schaffen. So hatte der neue Bürgermeister aus meiner Sicht die undankbare Aufgabe, die Eingemeindung der gesamten Gemeinde Pfaffroda mit seinen ursprünglich 7 Ortsteilen in die Stadt Olbernhau vorzubereiten. Er meisterte diesen Übergang mit Ruhe und ohne größere Probleme. So gehört die Gemeinde Pfaffroda und damit auch Dörnthal seit 1. Januar 2017 zur Stadt Olbernhau.

Da die Bürgermeister in Sachsen für sieben Jahre gewählt werden, wurde Bürgermeister Günther nach der Eingemeindung in die Stadtverwaltung übernommen. Der Olbernhauer Bürgermeister Heinz-Peter Haustein hat sein damaliges Versprechen bei der Eingemeindung von Dörnthal nach Olbernhau gehalten und inzwischen bereits einige Millionen Euro in unser Dorf investiert (Gehweg mit Beleuchtung, neue Schulturnhalle, Sportplatzbau, Schulstraße und Erhaltung des Museums).

Abschließend sollen noch kurz die Gebäude genannt werden, die über die Zeit von etwa 200 Jahren die Verwaltungen beherbergten, die Gemeindeämter. Als Rathäuser, wie in größeren Städten mit prunkvoller Ausstattung versehen, konnten sie bei uns wohl zu keinem Zeitpunkt bezeichnet werden.

  • Von 1839 – vermutlich 1927: Dienstzimmer im Erbgericht (heute Nr. 169)
  • von 1927 – 1997: Gemeindeamt (heute Nr. 114 – Landeck, Andreas)
  • von 1997 – 2001: Gemeindeamt (heute Schulstr. 4 – Grundschule)
  • von 2001 – 2017: Gemeindeamt (heute Feuerwehr von Pfaffroda)
  • von 2017 – heute: Stadtverwaltung Olbernhau (Grünthaler Str. 28)

K. Jablinski
Ortschronist von Dörnthal