Am Ende des 19. Jahrhunderts ließ Pfarrer Beckert vor der Anschaffung neuer Glocken den gesamten Kirchturm restaurieren. Dabei wurde auch der Kirchturmknopf neu vergoldet. In seinem Inneren fand er einen Bericht des damaligen Pfarrers über das Pestjahr 1680 in Dörnthal und schrieb später folgendes dazu für die „Kirchennachrichten“ auf:

Das Pestjahr 1680 in Dörnthal

In einem Bauernhof Dörnthals, zu dem auch eine Ölmühle gehörte, lebte und arbeitete um das Jahr 1680 ein Bauer namens Christoph Löpmann mit seiner Frau und seinen vier Kindern. Sein Name wäre vergessen wie manch anderer, wenn der Mann nicht schweres Unheil über das Dorf gebracht hätte. Und das ging nach den Angaben des Pfarrers Thimmig in unseren Kirchenbüchern so zu:

In Albertshayn traf eines Tages der Bauer Löpmann „einen aus Böhmen entwichenen Schützen“, der war ihm „etliche Groschen schuldig“. Da der fahnenflüchtige Soldat kein Geld hatte, gab er ihm stattdessen etwas, was dem Bauer wertvoll genug zu sein schien: „einen bekreuzten Brief“, es war ein „Kunststücklein wider die Pest“. Von diesem unheilvollen Zauberbrief hätte vielleicht nie jemand etwas erfahren, aber Löpmann hatte in Freiberg einem Verwandten gegenüber von diesem Besitztum geplaudert.

Der Verwandte war klüger und glaubensfester als der Dörnthaler Bauer, er hat von dem Brief nichts wissen, „ihn nicht lesen wollen, als er die Kreuzeszeichen gesehen.“ Hätte doch auch Christoph Löpmann diesen Brief, der ihn vor der Pest schützen sollte, weit von sich geworfen. Er und sein Haus und sein Heimatdorf wären vor furchtbarem Erleben bewahrt worden.

Eines Tages war der Bauer Löpmann in Freiberg. Dort wütete die Pest ebenso wie in Lengefeld. Aber er hielt sich ja für pestsicher. Damals stand wohl manches Bürgerhaus in Freiberg leer, die Bewohner waren tot, niemand getraute sich hinein aus Furcht vor der Ansteckungsge­fahr. „Starker Vermutung nach (hat er) in einem Sterbehaus solche ver­gifteten Kleider gestohlen.“

Am Sonntag hatte die 18-jährige Maria, die Älteste aus der Ölmühle, einen neuen grünen Rock in der Kirche an. Das bekräftigten unter Eid etliche Nachbarn. Das neue Kleidungsstück hatte Aufsehen erregt. Das war bezeichnend für die Armut, die in den Gebirgsdörfern herrschte: auch eine Tochter des Ölmüllers konnte sich eine solche Neuanschaf­fung nicht so leicht leisten. Aber in diesem Rock saß der Todeskeim. Bald wurde Maria Löpmann krank und starb am 1. September 1680. Der Ölmüller bekam große Angst und ein schlechtes Gewissen. Er be­hauptete im Dorf zwar, „dass die Tochter im Felde unter der großen Hitze…aus einem frischen Brunnen getrunken“ hätte und daraufhin krank geworden und nach großer Not gestorben wäre. Sie wurde mit einer Leichenpredigt und Abdankung am 3. September mit aller Fei­erlichkeit begraben. Aber so mancherlei verdächtige Anzeichen waren doch da: das schnelle Sterben aus blühender Gesundheit heraus, das Aussehen der Leiche, das ängstliche Reden des Vaters – „jedermann vermuthet, allhs ob es nichts Gutes sey, nemblich keine natürliche Krankheit.“ Wirklich, das Unheil schritt schnell voran und bestätigte in furchtbarer Weise die Vermutung der Leute: Die Pest ist eingezogen im Dorf.

Am 13. September stirbt der 11-jährige Mattheus aus der Familie. Man ist schon ganz ängstlich geworden im Dorf in Erinnerung an das Unheil früherer Pestjahre. Der Junge wird gleich am anderen Tag begraben, d.h. niemand kommt zum Pfarrer, um eine Beerdigung zu bestellen, keine Glocke läutet, kein Pfarrer und Chor geleitet den Toten. Er wird auf dem „Pest-Kirchhoffe“, wahrscheinlich einem Quartier außerhalb der Mauer, begraben. Und nun schlägt die Krankheit als ein furchtbarer Würgeengel in der Familie zu: am 14. September stirbt die 9-jährige Hanna Maria, einen Tag später die 16-jährige Elisabeth, am 16. Sep­tember stirbt die Mutter, gleich darauf der Vater. Die Eheleute werden zusammen begraben. Am 18. September stirbt auch der 75-jährige Aus­zügler Valentinus Löpmann. Betrübt schrieb der Pfarrer ins Kirchen­buch: „…womit dieses Hauhs gäntzlich auhsgestorben.“

Man sah die Pest als eine Strafe Gottes an, weil sich Bauer Löpmann „auf diese teuflische Kunst verlassen“ und damit gesündigt hatte. Er hatte furchtbar gesühnt. Wenn es nur damit genug gewesen wäre! Aber die Pest griff weiter zu.

Familie Uhle

Wie schon gesagt, hatte der Bauer Löpmann auch eine Ölmühle. Dort konnten die Leute gegen eine Entschädigung selbst ihren Lein schlagen. Es mochte am 10. oder 11. September sein: Ein Bauer aus dem Dorf arbeitete in der Ölmühle, sein Schwager Heinrich Uhle half ihm dabei. Auch nachts ließen sie das Schlagzeug weiterarbeiten. Am Abend kam die Frau von Uhle zur Gesellschaft. Sie saßen ein wenig plaudernd zusammen. Der tragische Tod der Müllerstochter am 1. Sep­tember war schon ein wenig in den Hintergrund getreten. Die Bäuerin Löpmann hatte gebacken und man genoss in der stillen Abendstun­de noch etwas Besonderes: „…warm(es) Brot in Leinöl getunkt“. Da erzählte die Bäuerin, dass ihr Sohn Mattheus auch über Unwohlsein und Schmerzen klage. Diese Mitteilung hatte eine starke Wirkung. Die Gäste brachen erschrocken augenblicklich auf, doch auch schon „mit der Pest behaftet“.

Wenige Tage später starb Heinrich Uhle. Aber o Schreck: Keiner wollte die Toten anfassen und begraben. Schließlich erklärte sich der arme Häusler Michael Köhler gegen ein geringes Entgelt dazu bereit. Treu­lich waltete er auf dem Pestfriedhof seines Amtes, begrub erst die Löpmanns einen nach dem anderen und dann Heinrich Uhle. Am 24. September fiel er selbst der schleichenden Krankheit zum Opfer. Nun wagte niemand, ihn zu begraben. Schließlich erbarmte sich der Gärt­ner George Bieber des Häuslers, nachdem der fünf Tage tot in seiner Stube gelegen hatte, und begrub ihn. Das besiegelte sein Schicksal, wenige Tage später war auch er tot.

Nun hatte das Grauen die Ortseinwohner gepackt. Es musste ein To­tengräber aus Kleinhartmannsdorf geholt werden. Drei Tage nach dem Tod des Bauern Uhle war seine Frau ins Auszughaus gezogen. Aber sie sollte ihres Lebens nicht wieder froh werden. Am 9. Oktober fand der Totengräber sie tot in ihrem Haus. Nun traf ihre Kinder bitterstes Los. Sie hinterließ drei kleine Mädchen: Anna Maria 5 Jahre alt, Anna Rosina 2 Jahre alt und Maria 10 Monate alt. Was sollte aus ihnen wer­den? Die Großeltern aus Borstendorf durften und wollten die Kinder nicht aufnehmen, auch sonst kein Mensch. So blieben die Mädchen allein. Die Gemeinde bestimmte jemanden, der ihnen zu essen und zu trinken brachte. Es war ein Jammer, die Kinder allein, eingesperrt im leeren Haus zu lassen. Die Gemeinde hat „mit Tränen solchen Jammer beweinet, aber weder Mittel noch Ort finden können, sie zu retten.“ Die Kleinen starben in der Nacht zum 16. Oktober. Es krampft sich uns noch heute das Herz zusammen, wenn wir daran denken, dass sich niemand fand, der die Kinder zu sich nahm.

In diesem Jahr starben noch zwei Jungen vom Bauern Arnold und Sa­muel Einert, ein sehr frommer und andächtiger Mann, außerdem der Bauer Caspar Büschel und wenige Tage später seine Witwe.

Soweit der Bericht von Pfarrer Beckert über das Pestjahr 1680 in Dörnthal in den Kirchennachrichten um 1900.

Ergänzend muss noch festgestellt werden, dass es vor dieser Katastro­phe bereits 1626 eine erste Welle der Pest mit 100 Toten in Dörnthal gab. Im nahe gelegenen Sayda forderte diese Seuche zur gleichen Zeit 500 Opfer. Die Familie Löpmann lebte damals in der heutigen Gast­stätte Braun Mühle, die Familie Uhle im heutigen Haus von Erwin Brauner.

Ortschronist Klaus Jablinski