Am 11. Juli 1747 – also in diesem Sommer vor 270 Jahren – erschütterte ein Ereignis die Dörnthaler Bevölkerung, von dem noch heute Spuren in unserem Ort vorhanden sind: nämlich ein unscheinbarer grauer Stein und eine Volkssage vom Pakt mit dem Teufel.

Am oben genannten Tag erfolgte die wahrscheinlich letzte Hinrichtung in unserem Dorf. Was war im Vorfeld geschehen?

Der 71jährige bisher unbescholtene Häusler Tobias Werner war zum Mörder geworden. Er hatte seine Wohnungsnachbarin Elisabeth Al­tendörferin erwürgt, wie die alten Kirchenbücher und eine Freiberger Zeitung berichteten.

Nachdem er einige Monate im Rittergutsgefängnis von Dörnthal zu­gebracht und in vielen Verhören die Tat bereits gestanden hatte, gab es nach altem Brauch noch eine öffentliche Verhandlung am Tag der Hinrichtung, um der Bevölkerung die Verwerflichkeit solchen Tuns un­mittelbar vor Augen zu führen.

Das „hochnotpeinliche Halsgericht“ fand unter freiem Himmel auf dem Platz zwischen Erbgericht und Kirche statt. An der Absperrung drängten sich die Schaulustigen. Ganz Dörnthal war an diesem Tag auf den Beinen. Mitten auf dem Platz stand ein mit einem schwarzen Tuch bedeckter Tisch mit sieben schwarzen Stühlen. Darauf nahm das Ge­richt – sieben Männer in schwarzer Kleidung – Platz.

Den Vorsitz führte Gerichtsdirektor Krause aus Freiberg. Beisitzer war Caspar Dietrich von Schönberg als Gerichtsherr von Dörnthal. Weiter waren der Justitiar des Rittergutes als Notar und vier Schöppen aus den Dörfern anwesend, die damals zum Gerichtsbezirk von Dörnthal gehörten.

Abseits vom Tisch etwas im Hintergrund hielt sich der Scharfrichter auf, der wohl das größte Interesse der Dorfbevölkerung fand. Als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, führten der Dörnthaler Pfarrer August Stolzenhain und sein Kollege aus Zethau den Sünder Tobias Werner vor den Richtertisch.

Dort bekannte er nochmals seine Schuld, und das Gericht fällte das schon längst feststehende Todesurteil. Unmittelbar danach setzte sich ein feierlicher Zug zum Hinrichtungsplatz in Bewegung, der sich an der Einmündung von Dorfstraße in die alte Salzstraße Richtung Sayda be­fand.

Dort erinnert noch heute der oben erwähnte graue Stein mit einem noch sichtbaren Kreuz an diese blutige Zeremonie. An der Spitze des Zuges marschierten die von Schönbergschen Schützen, daran an­schließend Richter, Geistliche, Schöppen, Gerichtswachen und Helle­bardenträger, Schulmeister sowie Schulkinder. Insgesamt dürften etwa hundert Personen an dieser Prozession beteiligt gewesen sein. Die ein­fache Bevölkerung war bereits vorausgeeilt, um einen guten Platz an der Absperrung zu erhalten. Am Richtplatz angekommen, nahm der Pfarrer dem Todgeweihten das Sünden- und Reuebekenntnis ab. Dann kniete Tobias Werner nieder und legte sein Haupt auf den Sandhügel. Der Scharfrichter waltete seines Amtes und der Schulchor stimmte den Choral „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ an. In einem Sarg wurde die Leiche zum Friedhof getragen und an einem abgelegenen Platz der Erde übergeben.

Da die Dorfbewohner sich nicht erklären konnten, wie ein bisher recht­schaffener alter Mann zum Mörder werden konnte und die Hinrichtung monatelang Gesprächsstoff im Dorf war, wurde schließlich der Teufel ins Spiel gebracht.

So entstand schon nach wenigen Jahren aus einem prosaischen Mord eine poetische Geschichte mit der Moral, sich auf keinem Fall mit dem Teufel einzulassen.

Die daraus entstandene echte Volkssage „Der graue Stein von Dörnthal“ ist inzwischen in einigen Büchern und Schriften unserer en­geren Heimat erschienen und weicht von den hier dargestellten histo­rischen Fakten doch in einigen Punkten ab.

Das gehört aber auch zum Wesen einer Sage. Leider wurde im Spät­sommer 2015 der graue Stein mit den drei Kreuzen der letzten Hin­richtungen beim Mähen der Wiese beschädigt. Da ich so etwas schon vorher befürchtete, hatte ich bereits 2011 bei einer Begehung mit Mit­arbeitern des Denkmalschutzes des Kreises empfohlen, den Stein im Heimatmuseum aufzubewahren und an der ehemaligen Richtstätte eine Gedenktafel aufzustellen. Das wurde jedoch entschieden abge­lehnt.

Klaus Jablinski

Ortschronist von Dörnthal