Fragt man jemanden in Dörnthal nach den Sehenswürdigkeiten des Ortes, wird er neben der Wehrkirche auf den Dörnthaler Teich hingewiesen. Wunderschön in Grün eingebettet, ist dieses sich über 500 Meter Länge erstreckende klare Gewässer eigentlich zu allen Jahreszeiten das Ziel vieler Spaziergänger. Kommt man vom Niederdorf den Kunstgraben entlang, erhebt sich der das Tal abschließende Staudamm in imposante Höhe.

Doch nicht ihrer Schönheit wegen wurde diese Anlage errichtet. Es ging auch damals schon um ökonomische Interessen. Der Freiberger Silberbergbau brauchte Wasser in großen Mengen. So wurde eine Einrichtung geschaffen, die den etwas umständlichen Namen „Revierwasserlaufanstalt Freiberg (RAW) bekam. Unter dieser Bezeichnung wurde das System der wasserwirtschaftlichen Anlagen zur Heranführung und Speicherung von Aufschlagwasser für den Freiberger Silberbergbau verstanden. Die Entfaltung des Silberbergbaus im Freiberger Raum seit dem 14. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erforderte größere Mengen Aufschlagwasser zum Betrieb der Wasserhebeanlagen, Wasserräder, Pochwerke und Erzwäschen.

Im Freiberger und Brand-Erbisdorfer Raum waren schon bald die nutzbaren Wasserreserven erschöpft. Man sah sich gezwungen, höher liegende Wasserreservoire anzuzapfen. So entstand über Jahrhunderte ein beachtliches Kunstgraben- und Stollensystem zur Heranführung des Aufschlagwassers. Mit Beharrlichkeit, großer Fachkunde und Umsicht erweiterte man die Wasserzuführung aus dem Münzbachtal über Großhartmannsdorf, durch das Saidenbachtal in Mittel- und Obersaida, man unterquerte den Ochsenkopf und gelangte über Dörnthal an die Wasserläufe des Haselbachs und Wiesenbachs. In den jeweiligen Tälern nutzten die Bergleute die Geländeformationen und vorhandene Mühlteiche zum Bau großer Speicherräume. Insgesamt zehn größere Teichanlagen von Berthelsdorf bis Dittmannsdorf wurden geschaffen. Das gesamte Kunstgraben- und Röschensystem erreichte 1858 sein endgültiges Ziel: die Anbindung an die Flöha bei Neuwernsdorf. Es bedurfte des Baus von mehr als 54 km Kunstgräben in einer Breite von 1,80 m und einer Tiefe von 1,50 m. Um von einem Tal in das nächst höhere zu gelangen wurden unter schwierigen Bedingungen unterirdische Stollen, die sogenannten Röschen, in einer Gesamtlänge von 25 km aufgefahren. Der längste unter ihnen ist der Friedrich-Benno-Stollen, der in einer Länge von 5000 m von Dittmannsdorf nach Dörnthal führt. Diese Verbindung war ein Meisterwerk Freiberger Wasserbaukunst. Nur 3 Meter Gefälle mussten auf 5 km Länge verteilt werden und das mit den damals zur Verfügung stehenden einfachen Messinstrumenten: Hängekompass und Gradbogen, Wasserwaage und Messschnur. Die Stollen oder Röschen sind in der Regel so breit wie die Kunstgräben, aber mindestens 2 m hoch aus dem Felsen gehauen.

Sie sind durch ihre „Mundlöcher“ am Eingang und Ausgang gut im Gelände sichtbar. Weshalb erfolgte nun die Erweiterung des bereits 1787 angelegten Gläserteiches um das Fünffache einschließlich der Staumauer? Im Freiberger Bergrevier kam es immer wieder zu Produktionsstockungen, wenn bei längeren Trockenperioden das Aufschlagwasser nicht ausreichte. Eine Vergrößerung des Stauraumes des ehemaligen Gläserteiches war schon länger geplant, der Termin aber noch nicht festgelegt. Als jedoch 1842 und 1843 das mittlere Erzgebirge zwei Missernten erlitt und somit große Teuerung und Not über die Bevölkerung hereinbrach, entschloss sich die Freiberger Revierwasseranstalt zu handeln. Mit einer Notstandsarbeit sollte der Bevölkerung geholfen und gleichzeitig die Effektivität des Silbererzbergbaus erhöht werden. Scharenweise meldeten sich die Notleidenden zur Arbeit.

Über 1600 Mann waren zeitweise beim Erweiterungsbau tätig. Sie wurden in Kompanien zu je 100 Mann eingeteilt, die sich durch ein Abzeichen am Hut unterschieden. Zwischen 60 und 80 Gespanne übernahmen täglich den Transport von Erdmassen, Lehm und Steinen für den längeren und höheren Damm. Statt in den geplanten vier, war der Damm schon nach zwei Jahren fertig. Der Teich bekam nunmehr die Bezeichnung „Dörnthaler Teich“. Da man den Arbeitern wegen der Teuerung in Sachsen höhere Löhne zubilligen musste, wurde der Kostenvoranschlag mit 49000 Talern überzogen. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 152000 Taler. Erst durch solche Wasserspeicher wie den Dörnthaler Teich und das dazugehörige Kunstgrabensystem konnten zum Beispiel die Silbergruben „Himmelsfürst“ bei Brand-Erbisdorf und „Beschert Glück“ bei Zug die Silberausbeute wesentlich steigern. Noch heute wird der Dörnthaler Teich mit seinem Kunstgrabensystem für die Zuführung von Trinkwasser in die Stadt Chemnitz und von Brauchwasser für die Freiberger Industrie genutzt. Ohne diese wirtschaftlichen Aufgaben wäre es nicht möglich gewesen, dieses in seiner Größe einmalige Wasserkunstbauwerk in Deutschland bis heute einsatzfähig zu halten.

Klaus Jablinski
Ortschronist