Bei einer 1581 in Dörnthal durchgeführten Kirchenvisitation wurde festgestellt, „dass Sebastians Fladens Weib der Zauberei und Hexerei verdächtig ist“ (Gemeindearchiv von Dörnthal) und mit einer Rüge zu bestrafen sei. Ihr Vergehen bestand darin, dass zwei Nachbarn im Haus der Flades eine Hirnschale mit Holunderbeeren gesehen hatten, was damals wahrscheinlich als Hilfsmittel für die Hexerei galt. Frau Flade hatte zugegeben, damit einen Diebstahl von Milch aus ihrem Haus aufklären zu wollen.

Der damalige Schlossherr von Pfaffroda und Rittergutsbesitzer von Dörnthal Abraham von Schönberg hatte nicht nur die wirtschaftliche Macht in den Dörfern Pfaffroda, Dörnthal, Helbigsdorf, Zethau, Weigmannsdorf und Hutha, sondern wachte auch als Gerichtsherr über die Bevölkerung dieser Orte. Die obere Gerichtsbarkeit, das sogenannte Patrimonialgericht, befand sich im Rittergut Dörnthal. Es war mit einem studierten Justitiar besetzt und auch ein Kerker war vorhanden. Damit die Unmoral und Gesetzlosigkeiten im Dorf nicht zunahmen, entschloss sich Abraham von Schönberg, auch mit der weltlichen Gerichtsbarkeit gegen die Fladin vorzugehen. Die Rüge des Superintendenten schien ihm als abschreckendes Beispiel zu schwach zu sein. Also ließ er Frau Flade für einige Zeit in den Rittergutskerker bringen und massiv verhören. Gleichzeitig beantragte er ein Verfahren zur Prozessaufnahme am Oberhofgericht Leipzig.

Laut Gerichtsakten stellte dessen Schöffengericht fest: „Der Gerichtsherr von Schönberg ließ das Verfahren in den folgenden Abschnitten ordnungsgemäß durchführen, wie das Einholen eines neuen Interlokuts von der Spruchbehörde vor Durchführung der Folter und das auf Freilassung gegen Leistung der Urfehde lautenden Endurteils, da vor der Inquisition von der Fladin kein Geständnis abgelegt wurde.“ (Manfred Wilde: „Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen“) Aus heutiger Sicht würde man sagen, trotz Kerker, Folter und Inquisition bekannte sich Frau Flade nicht zur Hexerei und Zauberei. Sie durfte sich nicht an den Zeugen rächen und auch nicht zum Urteil äußern. Außerdem erging die Verpflichtung, sich vom Dorfpfarrer regelmäßig belehren zu lassen. Unter diesen Bedingungen wurde sie freigelassen. Von der Rüge am 26. Februar 1581 bis zur Freilassung am 22.Juni 1581 waren vier Monate verstrichen.

Der Prozess selbst hatte einen Zeitraum von 14 Wochen in Anspruch genommen. Ein Jahr später reichte laut Akten der Ehemann der Freigelassenen Klage wegen ungerechtfertigter Verhaftung seiner Frau beim Oberhofgericht Leipzig ein. Das war für damalige Verhältnisse ein sehr mutiger Schritt. Wurde doch damit die Kompetenz des Gerichtsherrn von Schönberg und des Schöffengerichts in Leipzig angezweifelt. Die gegenseitigen Stellungnahmen einschließlich einer erneuten Zeugenbefragung dauerten noch bis 1585 an. Das letzte Schreiben in dieser Angelegenheit trägt das Datum vom 28.05.1585. Daraus geht hervor, dass das Oberhofgericht die Verhandlung mit vorheriger Kerkerhaft und Folter und die Beweise für angemessen hält. Selbst bei einer Revision des Urteils wäre der Frau Flade ein Leben in der Isolation beschieden gewesen. Denn Leute, die im Ruf standen, hexen zu können, wurden von den Dorfbewohnern ängstlich gemieden. Man wollte mit der Kerkerhaft und Folter ein Zeichen gegen den um sich greifenden Aberglauben in den Dörfern setzen. Trotzdem gab es schon bald darauf einen weiteren Fall.

Die Lorentz-Müllerin wurde des Seligsprechens beschuldigt. Aber auch gegen profanere Vergehen musste etwas getan werden. So berichtete Pfarrer Heinrici 1602 bei der Visitation, dass die Frau des Schusters Oswald Junghans der Kuppelei und Abtreibung beschuldigt werde. Ihrem Mann wurde dabei eine Mitschuld gegeben. Er galt als gottlos, weil er in den sechs Jahren, die er in Dörnthal weilte, nur viermal am Heiligen Abendmahl teilgenommen hatte. Selbst Einbrüche in die Kirche, wobei es zur Plünderung des Gotteskastens kam, wurden im Visitationsprotokoll vermerkt.

Die Ursachen für solche Vergehen wie auch der Hexerei wurden auf mangelnden Kirchgang und fehlende Gottesfurcht zurückgeführt. Kirche, Schule und weltliche Obrigkeit sahen im gemeinsamen Wirken für eine christliche Erziehung den Hauptweg, um Vergehen und Verbrechen zu verhindern.

Ortschronist von Dörnthal

Klaus Jablinski