Die Bezeichnungen „Gasthof“ oder „Wirtshaus“ finden sich in den schriftlichen Überlieferungen unserer Erzgebirgsdörfer meist erst nach 1800. Natürlich wurde auch vorher schon ordentlich Branntwein oder Bier gebechert, aber meistens zu Hause oder in einer „Schänke“, wie unsere Vorfahren sagten. Damit war eine Einrichtung gemeint, wo mit behördlicher Genehmigung Bier, Wein, Branntwein oder Salz ausgeschenkt werden durfte. In dieser Zeit besaß das Braurecht für den Freiberger Distrikt, zu dem alle Orte in einem Umkreis bis 15,3 km gehörten, die Stadt Freiberg selbst. Einen auf diese Weise gesicherten Absatzmarkt bezeichnete man damals als Bannmeile. Für Dörnthal nahm im Auftrag der Freiberger Ratsherrn die Stadt Sayda das Braurecht wahr.

Doch schon bald entstand harte Konkurrenz, als Caspar von Schönberg im Jahre 1641 im Rittergutsgelände von Dörnthal ein eigenes Brauhaus errichten ließ. Offensichtlich wollte er ebenfalls von diesem Geschäft profitieren. Das führte dann zu einem jahrelangen Streit mit der Bergstadt. Ob es dabei zu einem richtigen „Bierkrieg“ wie zwischen der Stadt Zöblitz und selbstbrauenden Reifländer Bauern kam, ist aus unseren Unterlagen nicht ersichtlich. Nach einem Gebäude- und Inventarverzeichnis des Rittergutes Dörnthal aus dem 17. Jhd. zu urteilen, müssen die Herren von Schönberg sich in dieser Auseinandersetzung behauptet haben. Denn in der Inventarliste ist ein Schanktisch im Schankraum aufgeführt, in dem sich 32 Weingläser und 3 vergoldete Gläser nur für die Herrschaft selbst befunden haben sollen. 1726 erhielt auch Erblehnrichter
Seyffert im ehemaligen Erbgericht die Erlaubnis für den Bier-, Wein-, Branntwein- und Salzausschank. Im Jahre 1788 bat Erblehnrichter Klemm um die Erlaubnis, seine Schänke – ebenfalls im ehemaligen Erbgericht
– an die günstiger gelegene alte Poststraße zwischen Freiberg und Olbernhau (heute: Haus-Nr. 28 Fam. Reichhold) verlegen zu dürfen.

Erst 30 Jahre später, am 7. Juli 1818, erfolgte auf allergnädigsten Befehl aus Dresden die Convestionierung (vertragliche Übereinkunft) für das Gast- und Wirtshaus „Zu den 3 Linden“ mit dazugehörigem Stall, Keller,
Kellerhaus und einer Scheune. In späteren Jahren erhielt dieser Gasthof die Bezeichnung „Zum Ritterschloß“ und „Schönlinde“. Auch die Nachfolger von Klemm erkannten offensichtlich die Bedeutung von Straßen und Kreuzungen für den Schankbetrieb. Deshalb erwarb Carl Gotthelf Herhold gemäß Kaufvertrag von 1866 von seinem Vater aus dem ehemaligen Klemmschen Gut ein Flurstück zum Bau eines Gasthofes „auf roher Wurzel“ wie es in den Unterlagen heißt. Dieser entstand an der damals neu gebauten Hauptstraße zwischen Freiberg und Olbernhau mit der ursprünglichen Grundfläche von 15,5 m x 13,3 m. Gastwirt Herhold verließ den Gasthof „Zu den 3 Linden“ und nahm sein neues Gebäude an der Straßenkreuzung in der Dorfmitte vermutlich 1866/67 in Besitz.

In den Anfangsjahren wird er in den alten Akten nach seinem Erbauer als „Herholdscher Gasthof“ bezeichnet. Der Name Gasthof „Zum Anker“ taucht im Schriftverkehr erstmals im Jahre 1884 auf. Die Gründe für seine Umbenennung konnten bisher nicht gefunden werden. Im Jahre 1898 erfolgte mit dem Saalanbau
und den Einbau einer Großofenheizung die Erweiterung des Gebäudes. Das wurde notwendig, weil Ende des 19. Jahrhunderts eine rege und vielfältige Vereinsarbeit in Dörnthal entfaltet wurde. Für größere Veranstaltungen wie den Schützen- oder Feuerwehrbällen sowie regelmäßigen Tanzvergnügen reichten die bisher vorhandenen
Räumlichkeiten nicht aus.

Als der Bankfleischer Ernst Gotthelf Herhold aus Voigtsdorf den Gasthof im Jahre 1890 von seinem Vorgänger übernahm, erwarb er einen Kredit von 22.000 Mark, um in den nächsten Jahren eine Schlachtanlage in den Keller einzubauen. In den folgenden 30 Jahren gab es kaum bauliche Veränderungen, aber häufige Besitzerwechsel, oft sogar jährlich.

Erst als Max Albert Augustin, geboren am 30.09.1895, im Jahre 1921 den Gasthof „Zum Anker“ für 106000 Mark einschließlich Inventar kaufte, kehrte Stetigkeit in die Bewirtschaftung der Gaststätte wieder ein. Sie blieb mit kurzen Unterbrechungen über 80 Jahre in seinem Familienbesitz. Er entwickelte vor allem in den Jahren bis 1939 eine umfangreiche und vielseitige Tätigkeit bei der Organisation zahlreicher kultureller Höhepunkte, wie Konzerte, Tanzveranstaltungen, Film- und Kabarettvorstellungen. Besonders beliebt waren die von ihm organisierten Faschingsveranstaltungen.

Auch Wander- und Reisegruppen wurden im Gasthof „Zum Anker“ aufgenommen und vorbildlich betreut. Darüber kann man im Gästebuch, das von Frau Rechenberger erfreulicherweise dem Heimatmuseum zur Verfügung gestellt wurde, viele Lobesworte finden. Selbst für Übernachtungen standen 3 Zimmer mit insgesamt 6 Betten zur Verfügung. Die Speisen waren gut und preiswert, da die eigenen Felderträge verwertet wurden und die Selbstschlachtung erfolgte. In Tageszeitungen wie den „Dresdner Nachrichten“ warb Max Augustin 1937 mit folgender Anzeige in Versform für den Besuch des Gasthofs „Zum Anker“:

Kehr neer mol in dan Gasthof ein,
dos werschte werklich net berein.
Is olles schie un oppetitlich
un alle Leit sein urgemütlich.
Probier dos schiene billge Assen.
Dobei tus Trinken net vergassen.
Dos alles bringt die hübsche Liesdu
fühlst dich wie im Porodies.
Un konnst dich jederzeit besinn
wie schien wars doch beim Augustin.

In den folgenden Kriegs- und Nachkriegszeiten war wie überall im Erzgebirge auch mit den Dörnthaler Gaststätten kein großes Geschäft zu machen. Deshalb wollte Max Augustin 1957 den Gasthof wegen Unrentabilität schließen. Der Gemeinderat stimmte dem jedoch nicht zu, weil Vorführungen der Landfilmstelle, das Schulturnen und öffentliche Veranstaltungen weiter stattfinden sollten. Gemeinsam wurde eine Lösung
gefunden. Ein Jahr später erfolgte die Verpachtung des Objektes an die Konsumgenossenschaft Olbernhau. Als Max Augustin im Jahre 1966 Mitglied der LPG „Rotes Banner“ wurde, kündigte er den Vertrag mit dem Konsum Olbernhau. Nach längeren Auseinandersetzungen zwischen den Abteilungen Handel und Landwirtschaft beim Rat des Bezirkes durfte, wie von Augustin beabsichtigt, die LPG die Bewirtschaftung des Gasthofs „Zum Anker“ übernehmen. Obwohl auch in den folgenden Jahren bis 1990 die Besitz- und Pachtverhältnisse stabil blieben, wechselten die eingesetzten Pächter bzw. Wirte recht häufig. Allein in der Zeit von 1967-1990 übernahmen acht verschiedene Familien die Geschicke des Gasthofs.

Ein Vorschlag des letzten Pächters, in Anbetracht der bevorstehenden Marktwirtschaft das Objekt zu kaufen und im Interesse des Ortes weiter zu entwickeln, wurde von Augustins Erben nicht akzeptiert. So kam es zur endgültigen Schließung des ehrwürdigen Dorfgasthofes im Jahre 1990. In dieser Zeit wurde auch das gesamte Inventar veräußert. Ein Versuch der Erben im Jahre 2000, den Um- und Ausbau zu starten, schlug genauso fehl wie der geplante Verkauf über einen Makler. Nachdem das Gebäude über 14 Jahre nicht genutzt wurde, war die Bausubstanz so marode, dass nur noch ein Abriss in Frage kam. Die Gemeinde Pfaffroda kaufte das Objekt zu einem symbolischen Preis, um mit Hilfe von Fördermitteln das einsturzgefährdete Gebäude abzureißen.

Die Bevölkerung unseres Ortes hat dieses Vorhaben sicher mit gemischten Gefühlen betrachtet. Haben doch viele Einwohner unvergesslich schöne Stunden dort verlebt. Ob es nun Tanz- oder Kinoveranstaltungen, Familien- oder Frauentagsfeiern, LPG-Vollversammlungen, Jugendweihefeiern oder Pionierfeste waren. Sie werden sich an die Saalbemalung ebenso wie an die herrliche Ausgestaltung zu Erntefesten erinnern. Für damalige Verhältnisse gehörte auch die Seemannsklause zum absoluten Renner.

Ich war besonders von einer alten Speisekarte aus dem Jahre 1977 überrascht, wo man bei Werner Lippold ein komplettes Menü mit Eierflockensuppe, Lende mit Champignons, Kartoffeln, Gemüse und als Nachtisch einen
Eisbecher für 8,50 DDR-Mark bekommen konnte. Bei den heutigen Gaststättenpreisen kann man das kaum noch glauben. Einige ältere Bürger werden sich vielleicht noch an andere Besonderheiten des Gasthofes „Zum Anker“ erinnern, wie an den originellen Spruch im Gewölbebogen des Hausflures:

„Gelobt sei dein Eingang, wenn Du Durst hast und Dein Ausgang, wenn Du bezahlt hast!“

Aus welchen Gründen auch immer, musste er später in der Nazizeit auf Anordnung der Bezirksbehörde Freiberg von Max Augustin beseitigt werden. Nicht zuletzt sei auch daran gedacht, dass über ein Jahrhundert hinweg der „Anker“ ein Arbeitgeber im Ort war. Walter Herrmann hat einmal ermittelt, dass über die gesamte Zeit hinweg dort etwa 200 Menschen kurzfristig oder länger in Lohn und Brot standen.

Ich glaube, dass dieser Identität stiftende Gasthof „Zum Anker“ noch lange Zeit in den Köpfen und Herzen der Dorfbewohner einen Platz haben wird, obwohl sich bereits seit 2006 ein Parkplatz mit Erinnerungstafel an seiner Stelle befindet.

Diese Dokumentation wurde auf der Basis von Unterlagen aus dem Gemeindearchiv und von Aufzeichnungen des ehemaligen Ortschronisten Walter Herrmann erstellt.

Jablinski
Ortschronist