Am Ortseingang von Neuhaselbach fristete ein halb zusammengefallenes, trostlos aussehendes Metallgestell mit einigen fast verwitterten Reststücken Balken ein kümmerliches Dasein: Das war vor vielen Jahren eine stabile, wichtige und täglich frequentierten Milchbank.

Fragen wir unsere Enkel, so wissen sie nichts mit dem Begriff „Milchbank“ anzufangen; ältere Menschen, die im Dorf aufgewachsen sind, verknüpfen damit zahlreiche Erinnerungen. Aus diesem Grund sahen wir es als wichtig an, dieses geschichtsträchtige Objekt zu erhalten. Es wurde recherchiert, Zeitzeugen befragt, die Ortschronisten und der Ortsvorsteher einbezogen und ein Aufruf gestartet, um alte Milchkannen auf unserer Bank präsentieren zu können. Sie wurden gespendet von T. Glöckner, S. Baumgart, F. Esche, T. Neumann und von den Familien Matthes und Thieme.

Mit der Rekonstruktion befasste sich Hans-Peter Thieme, er besorgte das nötige Material, bereitete es vor und baute gemeinsam mit Marco Morgenstern die marode Bank wieder auf. Ich selbst bemühte mich, die historischen Fakten zu sammeln und niederzuschreiben. Auch an der Milchbank wird dazu ein kurzer Informationstext zu lesen sein.

Hier nun die Erkenntnisse über Bedeutung und Nutzung der Bänke:

Von der Nachkriegszeit bis Anfang der 70er Jahre prägten Milchbänke unser Dorfbild.

In Neuhaselbach standen drei solcher Bänke, im Ort selbst kamen wahrscheinlich drei weitere hinzu. Jeden Tag frühmorgens brachten Bauern der umliegenden Gehöfte die frisch gemolkene Milch und die im Wasserhaus gekühlte Abendmilch zu den bankartigen Gestellen. Dafür gab es spezielle 20- und 10-Liter-Kannen, auf die eine von der Molkerei zugewiesene Nummer stand. Mit einem LKW wurden die Gefäße eingesammelt und auf schnellstem Wege in die Molkerei nach Olbernhau gebracht. Später wurden Traktoren mit auf Anhängern befestigten Milchtanks eingesetzt. Das musste rasch geschehen, da es beim Transport keine Kühlmöglichkeit gab. Die Fahrer wurden „Milchkutscher“ genannt, es waren anfangs aus Niedersaida Hans Wiedemann, aus Haselbach Heinz Straube und von Dörnthal Helfried Bellmann, Michael Müller, Gerd Preußler und Hartmut Pötzsch.

Vormittags kamen die Kannen retour und enthielten sogenannte „blaue“ Milch, d. h. sie hatte nur noch maximal 0,1% Fett und galt als Viehfutter. Zusätzlich gab es die „Milchkarte“, auf welche die abgelieferte Menge eines jeden Tages notiert wurde; in der Molkerei trug man den Fettgehalt ein, der zwischen 3,8 und 4,2 % schwankte. Um die Qualität der Milch aus den kleinen Ställen zu gewährleisten, prüfte monatlich ein Milchkontrolleur Inhaltsstoffe und Hygiene. Diese Tätigkeit verrichtete Helmut Scholz aus Niedersaida, von uns „Milchmanscher“ oder „Milchpanscher“ genannt.

An der Milchbank befand sich seitlich ein kleiner Holzkasten für die Milchkarten, damit ließen sich auch Molkereiprodukte wie Quark oder Butter bestellen, die mit den leere Kannen zurück gebracht wurden.

Mit der Gründung der LPG Typ III ging die Zahl der Kleinablieferer zurück; die Milchbänke verschwanden nach und nach aus dem Ortsbild. Die größeren Ställe, wie die Milchviehanlage in Dörnthal, wurden dann von den Milchtanks direkt angefahren.

Unsere Milchbank hier in Neuhaselbach ist die letzte im Ort und konnte wohl nur bestehen, weil sie einen Briefkasten trug.

Wir möchten, dass durch unsere Milchbank die dörfliche Geschichte im Kleinen erlebbar bleibt – für all unsere Nachkommen, die sich beim Einkauf im Supermarkt meist keine Gedanken machen, wie aufwändig und arbeitsintensiv der Weg zum fertigen Lebensmittel ist.

Evelin Thieme
Haselbach