Wenn sich die Natur langsam zur Ruhe begab, die Bauern ihre Ernte eingebracht hatten und der erste Schnee auf die Felder und Dächer rieselte, fanden im vorigen Jahrhundert überall in unserem Dorf Schlachtfeste statt. Diese alte Tradition ist heute sehr selten geworden. Die jungen Leute in unserer Zeit können leider nicht mehr miterleben, wie aus einem Schwein die Wurst gemacht wird. Sie kaufen sie abgepackt in der Kaufhalle oder vom Stück beim Fleischer. Zunehmend ernähren sich heute viele Leute auch vegetarisch, was früher im Erzgebirge nur als große Ausnahme vorkam.

In seinem Buch „Der Dorfschmied“ hat der ehemalige Dörnthaler Professor Zimmermann sehr anschaulich beschrieben, wie bei seinen Großeltern Emil und Marie Zimmermann in der Dorfschmiede (heute Haus Nr. 36) das Schlachtfest zelebriert wurde: „Spätestens sieben Uhr kam der Fleischer. Vormittags mussten die unangenehmen Arbeiten verrichtet werden, wobei die Familie dem Fleischer zu helfen hatte: das Abbrühen des Schweines, um die Borsten abkratzen zu können, das Aufhängen des Schweines und das Säubern und Auswaschen der Därme für das Wurstmachen. Dann wurde das Wellfleisch hergestellt. Während des Kochens wurden die Speckseiten (auch Speckschrötel genannt), die Schinken und die Beine in einem Holzfass eingepökelt. Höhepunkt des Festes war das Wellfleischschneiden. Der Fleischer schnitt die gekochten Fleischstücke in Scheiben, die Familie das überwiegend fette Fleisch in kleine Würfel für die Blut- und Leberwurst. Dabei konnte jeder essen, was und wieviel er wollte. Absichtliche oder zufällige Besucher erhielten ihr Wellfleisch mit Brot und Sauerkraut auf einen Teller, den Nachbarn wurden ein paar Scheiben heimgebracht. Danach begann das Wurstmachen, wobei auch vom Wurstteig kräftig gekostet werden durfte. Dabei war die Gewürzmischung des Fleischers besonders wichtig. Sie wurde meistens geheim gehalten. Die Blut- und Leberwürste kamen dann in den Wellfleischkessel und wurden vorsichtig zum Sieden gebracht. Am Abend holten die Nachbarn die Wurstbrühe in großen Krügen ab.

In die Brühe wurden ein paar gekochte Kartoffeln gerieben und etwas Brot hineingeschnitten und fertig war eine Suppe, die besser nicht sein konnte. Als letztes kamen die Bratwürste und die groben Mettwürste an die Reihe. Die durchgedrehte und gewürzte Mischung ergab einen köstlich schmeckenden Hackepeter, von dem – wenn noch jemand dazu in der Lage war – auch gegessen werden konnte.

Das große Bratwurstessen fand aber meistens am nächsten Tag statt. Die Blut- und Leberwürste wurden nach dem Sieden und Trocknen in den Schornstein zum Räuchern gehängt. Genauso geschah es mit dem Speck und dem Schinken, sobald sie durchgepökelt waren.

Letzter Arbeitsgang war das Saubermachen. Marie brauchte große Mengen „IMI“, um mit dem Fett auf Tischen, Fußboden und Arbeitsgeräten sowie in Schüsseln und Wannen fertig zu werden.“

Bei der kargen erzgebirgischen Küche boten solche Feste die seltene Gelegenheit sich einmal an Fleisch satt zu essen und den einen oder anderen Korn dazu zu trinken. Allerdings blieb das oft nicht ohne Folgen, am Herzhäuschen herrschte in diesen Tagen großer Andrang.

Klaus Jablinski
Ortschronist von Dörnthal